Der Kampf mit dem Biest

Ein Auszug aus aufgeschriebenen Erlebnissen unseres Kollegen Hjalmar Hagen, der beim CLIPPER ROUND THE WORLD RACE von Uruguay bis nach Südafrika gesegelt ist

- Ein Auszug aus aufgeschriebenen Erlebnissen unseres Kollegen Hjalmar, der beim CLIPPER ROUND THE WORLD RACE von Uruguay bis nach Südafrika gesegelt ist - 

Wir haben Nachtwache. Es ist kalt und ungemütlich. Claire, Marcus und ich sind gerade unter Deck, um uns ein bisschen aufzuwärmen, als Olli uns an Deck ruft. Es hört sich dringend an. Also schnell den Smock und die Rettungsweste wieder angelegt und rauf an Deck.

Im ersten Moment verstehe ich nicht, was los ist. Dann sehe ich es. Der Spinnaker, der auf dem Vordeck lag, hängt halb im Wasser. Nigel, Ollie und Dave versuchen mit vereinten Kräften, das Segel wieder an Bord zu ziehen. Vielmehr ist es der Versuch, dafür zu sorgen, dass nicht noch mehr von dem 300 m² großen Segel ins Wasser rutscht. Das Boot wird von Wind und Wellen hin- und hergeworfen. Durch das Ein- und Umklicken der Sicherheitsleine an unseren Rettungswesten dauert es einige Sekunden, bis Marcus und ich auf dem Vordeck ankommen und gemeinsam mit den anderen an dem Segel ziehen und zerren. Wind und Wellen reißen brutal an dem riesigen Segel, während die Schoten wie Peitschenhiebe durch die Luft knallen. Einer dieser Peitschenhiebe erwischt mich am Arm und verpasst mir neben Schmerzen einen für zwei Wochen in allen Farben schimmernden Oberarm. Zoe ist die nächste, die an Deck erscheint, kurz danach auch Gav, der Ruder und Kommando übernimmt.
Neben mir reißt Nigel wie ein Bär an dem Segel, doch jeder Windstoß und jede Welle zerren weitere Meter Segel ins Wasser. Jedes Mal wird Nigel um die Länge seiner Sicherheitsleine mit nach vorne und Richtung Reling geschleudert. Wäre er nicht angeleint gewesen, dann hätte der Spinnaker ihn einfach mit über Bord gerissen.
Aus den Augenwinkeln nehme ich wahr, dass Zoe irgendwann nur noch in der Nähe des Masts kauert, sich mit der einen Hand dort fest klammert und mit der anderen
ihr Bein festhält. Die andere Wache ist mittlerweile auch vollzählig an Deck. Doch auch die doppelte Manpower kann nicht verhindern, dass schließlich der gesamte Spinnaker im Wasser schwimmt.
Zoe ist in der Zwischenzeit unter Deck gebracht worden und wird dort von Andy notfallsmäßig versorgt. Wir anderen kämpfen währenddessen noch über eine
Stunde unter Hochdruck, bis wir den Spinnaker wieder an Deck gebracht haben.
Mein Adrenalinspiegel ist am Anschlag und mehrmals schießen mir vor Stress, Angst und Anstrengung Tränen in die Augen.
Das Biest von Spinnaker hat heute mit seinen Muskeln gespielt und uns definitiv an unsere Grenzen gebracht.
Für Zoe hatte der Kampf mit dem Biest zur Folge, dass sie bis zum Ende der Etappe mit geschientem Knöchel und großer Ungewissheit in ihrer Koje liegt. Die Untersuchung in Kapstadt ergibt, dass ihr Knöchel gebrochen ist und sie operiert werden muss. Wann sie wieder an Bord zurückkehrt ist aktuell ungewiss.