Die „heimliche“ Macht unserer Kinderstube

Häufig werden wir von Gefühlszuständen überrascht, die durch den Schatten unserer Vergangenheit geprägt sind.
Dies können Kindheitserfahrungen sein, aber auch später prägende Erfahrungen, die wir mit Mitmenschen gesammelt haben.

Schattenspiele in Konfliktsituationen

 „Eigentlich wollte ich mich nicht aufregen... Doch mein Gegenüber erinnert mich in seinem Verhalten an meinen Vater. Ich fahre aus der Haut wie ein pubertierender 16-Jähriger. Normalerweise komme ich mit meinen Kollegen gut aus, aber der Neue… Immer wieder kommt es zu Spannungen und ich kann mir gar nicht erklären, warum das so ist.“

Häufig werden wir von Gefühlszuständen überrascht, die durch den Schatten unserer Vergangenheit geprägt sind. Dies können Kindheitserfahrungen sein, aber auch später prägende Erfahrungen, die wir mit Mitmenschen gesammelt haben. Person X ruft in mir „ein Programm“ auf weil er mich an Y erinnert, ohne dass mir das in diesem Moment bewusst ist. Sich wiederholende Konflikte haben ihren Ursprung oft in unseren frühen Erfahrungen. In unserer Ursprungsfamilie haben wir „gelernt“ was unser eigener Wert ist, wie in Beziehungen agiert wird, nach welchen Werten man sich orientiert, wie in Konfliktsituationen gehandelt wird… In der Transaktionsanalyse nennt man es Skript, das Lebensdrehbuch nachdem wir unbewusst handeln. Diese Botschaften werden in Partnerschaften, in Gruppensituationen, wie z. B. am Arbeitsplatz, im Verein usw., lebendig. Da aktiviert Frau X das Programm Mutter, Kollegin Y die ältere Schwester,…

Meistens geht es in diesen Situationen um Themen wie Umgang mit Autoritäten, Anerkennung und Ab-hängigkeiten, Anpassung an Normen. So wird z. B. Führung oft als strenge elterliche Autorität erlebt.

Im Regredieren verlieren wir den Bezug zur Gegenwart und oft auch das Maß zur realistischen Bewertung der Situation. Oft erleben wir Aussagen strenger als sie ein unbeteiligter Dritter bewerten würde und manche Situation mag als bedrohlich empfunden werden, obwohl gar keine Bedrohung ausgesprochen wurde. Diese Rückfälle in den Schatten der Vergangenheit drohen uns besonders, wenn alte Konflikte nicht bewältigt sind. So finden dann Stellvertreterkämpfe statt oder wir geben Verantwortung ab, wenn wir in früher Kindheit Erfahrung mit übervorsorglichen Eltern gesammelt haben. Die Folgen solch ungefilterten Verhaltens mögen Trotz sein oder das Verharren in der Situation.

Was kann ich tun, um dem Schatten der Vergangenheit zu entfliehen? Das Reflektieren der eigenen Situation, gegebenenfalls mit einem gewissen zeitlichen Abstand, ist eine Möglichkeit, voranzukommen. Auch die Reflexion mit Hilfe einer nicht in den Konflikt involvierten Person, kann dazu beitragen die eigenen Muster besser zu erkennen. Je nach Intensität und Behinderung durch die Konfliktsituation mag es auch angebracht sein, professionelle externe Hilfe z. B. durch einen Coach oder Therapeuten anzunehmen. Natürlich sind wir geprägt durch unsere Vergangenheit, aber wir dürfen uns nicht als Opfer unserer Kindheit fühlen. Es ist nie zu spät, ein glückliches Leben zu führen und sich selbst zu verstehen, denn sich mit sich und seiner Vergangenheit zu versöhnen ist ein guter Weg in eine gelingende Zukunft. In Konfliktsituationen ist es bedeutsam, sich in andere Personen hineinversetzen zu können, seine eigenen Gefühle und die Gefühle der Konfliktperson wahrzunehmen und auch ent-sprechend zu interpretieren. Wenn wir begreifen, dass andere Menschen anders denken als wir und Beziehungen nur funktionieren können, wenn wir respektvoll aufeinander Rücksicht nehmen und zu gemeinsamen Kompromissen kommen und wenn wir nicht gleich jeden persönlichen Angriff auf uns selbst beziehen, sondern in der Lage sind, die Motive unseres Gegenübers zu erkennen, ist aus der Auseinander-setzung viel gewonnen. Der Verzicht auf Annahmen und Interpretationen führt zur Vermeidung von Missverständnissen und deeskaliert in Konflikt-situationen.

Eine für Führungskräfte wichtige Erkenntnis mag hierbei sein, dass egal was sie auch tun, sie als Übertragungsfiguren taugen. Auch wenn sie nicht so agieren mögen, mag es trotzdem häufig vorkommen, dass sie von ihren Mitarbeitern als Eltern wahr-genommen werden. Mit dieser Erkenntnis umzugehen ist auch ein wichtiger Schritt in konstruktive Be-ziehungen innerhalb des Arbeitsalltags.

 

Peter Röben